AusLese

Marina Seitz - Vampir zum Ehemann

aus: KuLi Nr. 1

Nadenka Iwanowa hat sich vorteilhaft verheiratet. Ihr Ehemann ist ein Vampir. Falls Sie meinen, das sei doch schlecht, liegen Sie falsch. Nadenka nämlich ist überglücklich. Anna Sergejewnas Mann hingegen ist ein Menschenfresser. Das hindert ihn aber nicht daran, ein treuer Lebensgefährte und ein guter Vater zu sein. Außerdem bezieht er ein anständiges Gehalt und seine ergebene Belegschaft behandelt ihn stets mit aufrichtiger Zuneigung und großem Respekt.

Nadenka aber hat einen Vampir zum Ehegenossen. Grundsätzlich von Vorteil. In vielerlei Hinsicht. Erstens ist er sehr genügsam, zweitens verzehrt er praktisch nichts und drittens ist er fest ans Haus gebunden. Seine Aufmachung ist denkbar einfach: ein schwarzes Hemdchen, ein Höslein für’s Nötigste und ein Mäntelchen. Und er trägt es seit unvordenklichen Zeiten. Das Mäntelchen gibt Nadenka ab und zu in die Reinigung; da wird es mit Dampf behandelt und ist dann wieder wie nagelneu.

Unlängst litt er an Zahnschmerzen, es war ein Backenzahn. Nadenka brachte ihn zum Zahnarzt, glaubte: „Karies, Plombe einsetzen, fertig.“ Aber der Arzt sah es sich an, dachte nach und sagte zu ihr: „Mein lieber Schwan, mit Ihrem Gatten haben Sie aber Glück! Eigentlich benötigt er nur zwei Zähne. Die übrigen sind zu nichts nütze. Sollen sie ihm doch ausfallen!“ Wem hat ein Zahnarzt je solch einen Rat gegeben! Nach diesen Worten schickte er sie heim. Und Geld nahm er keines.

Nadenkas Gatte ist zwar eine ganz und gar unauffällige Erscheinung, als Mann aber durchaus attraktiv. Selbstverständlich ist Anna Sergejewnas Ehepartner wesentlich stattlicher, hoher Wuchs, breite Schultern. Doch er hat nicht die Anmut, die dem Ehegenossen Nadenkas eigen ist. Deren bedürfnisloser Gatte sitzt tagsüber gewöhnlich zu Hause, läßt die Jalousien herunter und sieht fern: Krimis, Spuk- und Horrorfilme; auch die Nachrichten schaut er sich gern an. Da gibt es interessante Themen. Danach diskutiert er mit seiner Frau, wie weit es mit unserer Gesellschaft gekommen sei: Ihr Gewissen hätten die Menschen völlig eingebüßt. Und die verantwortliche Regierung? Offen gesagt: Verbrecher!

Gegen Abend fliegt er auf die Schnelle zum Dienst und zurück nach Hause. Er ist bezeichnenderweise Versicherungsagent, eine saubere Arbeit, doch Strahlen ist für ihn ungünstig. Seine Beruf läßt ihn auf nervöse Kunden treffen, solche, die ebenfalls regelmäßig fernsehen.

Anna Sergejewnas Mann hingegen ist ein völlig anderer Typ. Er leitet ein Steuerbüro, eigentlich tut er nur so. Fast den ganzen Tag ist er im Büro, macht nie Urlaub, lebt, schläft und ißt während der Arbeit.

Nadenkas Lebenspartner schläft immer zu Hause. Dafür hat er ein besonderes Kistlein, es steht im Flur und ist sehr lang. Sobald er zu Hause landet, legt er sich hinein, schließt die Äuglein, sein Weib streichelt über sein kahles Köpfchen und er schläft ein. Ganz leise, mit allem zufrieden. Man sieht, daß er nicht erfolglos geflogen ist.

Anna Sergejewnas Mann schläft schlecht, wälzt sich hin und her, schnarcht. Manchmal hat er Verdauungsbeschwerden zum Gott Erbarmen! Er sieht nie fern. Er sagt, das verdürbe ihm den Appetit. Depression und irgendeine seltsame Apathie befielen ihn dann. Hauptsächlich nach Sendungen über Gesundheit. Alles dreht sich da um Wehwehchen und Zipperlein! Appetit hat er aber nur auf Gesunde! Besonders nachts.

Einmal allerdings passierte ein Unglück – Nadenkas Mutter war vom Lande angereist. Als Mitbringsel hatte sie Speck, Quark und Eier dabei. Sobald sie den Schwiegersohn erblickte, mit völlig verfallenem Gesicht, fahl, Ringen um den Augen, ausgehöhlten Wangen, war sie bekümmert und machte sich Sorgen. „Was ist mit dir, Galgenvögelchen? Warum so bleich? Woran soll sich deine Seele bei Luftzug festhalten? Bläst ein Wind, zieht es dich ja zur Fensterluke hinaus! Was treibst du bloß mit deinen Augenhöhlen? Deine Ernährung muß umgestellt werden, und zwar im Fluge, auf der Stelle! Bei uns auf dem Lande sind alle – voll Blut und Kraft. Nicht so wie ihr Städter!“

Bei dem Wort „Blut“ begann der Schwiegersohn zu zittern, fletschte die Zähne, offenkundig vor Gier, und machte sich an die Schwiegermutter heran, die indes davonlief, zum Kühlschrank flüchtete, die Kühlschranktür aufriß und dem Eidam mit voller Wucht vor die Stirn knallte. Der schnalzte mit den Zähnen so, daß er sich auf die Zunge biß, und sackte zu Boden. Die Schwiegermutter nahm Speck aus dem Kühlschrank, schnitt eine Gurke in Scheibchen, füllte ein Gläschen mit Wodka und bot alles dem Leidgeprüften an. „Verschmähe unsere Landprodukte nicht, die du, unter uns, auf dem Markt – zum Teufel auch – nicht kriegen kannst!“

Der Schwiegersohn, vom Schlag erholt, würdigte den Speck keines Blicks, auch die Gurke war nicht nach seinem Geschmack, doch das Gläschen nahm er. Immerhin Flüssigkeit. Die Schwiegermutter drang in ihn: „Greif zu! Greif zu!“ Er schüttelte nur den Kopf. „Irgend etwas mußt du dir doch zwischen die Zähne schieben!“, meinte sie. „Es geht nicht“, entgegnete er mit Blick auf das Vorgesetzte, „feste Speise bekommt mir nicht.“ Als Nadenka von der Reinigung nach Hause kam, bot sich ihr dieses Bild: Mütterchen und Gatte sitzen fest umschlungen in der Küche und betrinken sich. Ihr Gatte blickt die Schwiegermutter ehrerbietig an und bearbeitet sie, bei ihm als Versicherungsagentin einzusteigen. „Sie müßten nur irgendeinen Kunden beschwatzen, Mamilein; ich würde auch mitfliegen.“

Tief errötet, angesäuselt schenkt sie ihm ein, wieder und wieder. Hält sich selbst auch nicht zurück und ißt eine Gurke nach der anderen dazu. Der arme Tochtermann aber ißt nichts, rein gar nichts. Trinkt Gläschen um Gläschen, schnalzt mit den Zähnen, gluckst eigenartig, lallt: „Nach dem ersten Glas esse ich nichts mehr. Feste Speise mag ich nicht. Aber Sie, Mamilein, hab’ ich zum Fressen gern.“

Nadenka sagte „Ach so“ und steckte den Mann in die Wanne unter eine Eisdusche. Dann packte sie ihn ins Kistlein, bestreute ihn mit ein paar Krümelchen Erde, sang ihm ein Wiegenlied und schloß das Deckelchen. Als sie das Mamilein in der Küche schlummernd fand, holte sie ein Kopfkissen und legte es ihr unbemerkt unter den Kopf. Die schlief bereits fest und träumte süß.

Am anderen Morgen stand Mamilein auf, um Wasser zu trinken, und ließ es direkt aus dem Kran in sich hineinlaufen. Dann wankte sie durch den Flur. Während sie irgendeine Kleinigkeit ganz dringend suchte, sah sie im Sarg den Schwiegersohn, schwarze Kleidung, von Erde karg bedeckt, reglos. Sie erschauderte. Panisch schnappte sie sich ihr Köfferchen und stürzte Hals über Kopf aus dem Haus, noch bevor das Töchterchen aufgewacht war. Empört sprach sie zu sich: „Sieh an, dahin hat sie ihren Mann gebracht, ins Grab, hat den Ernährer umgebracht, die Familie zerstört.“

Sie kehrte in ihr Dorf zurück. Zu Hause erzählte sie der Nachbarin, daß ihr Schwiegersohn eine völlige Niete sei, ganz blaß und durchsichtig. Wo ihre Tochter den aufgetan habe, sei ihr schleierhaft. Von einem Gläschen sei der schon tot umgefallen. „Waschlappen! Da lobe ich mir die Leute auf dem Land! Voll Blut und Kraft!“

Beim Wort „Blut“ geriet die Schwiegermutter in Bewegung, begann die Nachbarin, eine Walküre mit Wangen, rosig wie reife Äpfel, ganz eigenartig anzusehen und rückte näher an sie heran. Doch schnalzte sie nicht mit den Zähnen; damit hatte sie ein Problem. Zwar hatte sich bei ihr ein Paar eigener, natürlicher Zähne erhalten. Die aber schonte sie. Der Schwiegersohn war lange krank. Zur Arbeit flog er ganz gegen seine Art mit roten Augen und einer blauen Nase. Damit man ihm nicht kündige, verwandelte er sich in eine Fledermaus. Nach seiner Genesung nahm er wieder die frühere Gestalt an. Und Nadenka Iwanowa war aufs neue glücklich.

Anna Sergejewnas Mama ist bisher nicht bei ihrer Tochter gewesen. Sie wohnt auch nicht in irgendeinem Dorf, sondern in der Hauptstadt. Dort führt sie ein gesundes Leben, ernährt sich richtig, ißt kein Fleisch und geht in die Sauna. Auf einen Besuch bei ihrer Tochter ist sie nicht sonderlich erpicht. Möglicherweise nicht ganz zu Unrecht?

Aus dem Russischen: Thomas Kaut